Ernestina und ich unterwegs in großer Mission

Man könnte glauben, wer auf dem Land lebt, hat immer ein bisschen Zeit übrig. Anders als die oftmals gestressten Städter. De facto war es aber so, dass Ernestina und ich uns sehr anstrengen mussten, unsere Interviews zu machen, da unsere ausgesuchten Gesprächspartnerinnen und -partner sehr, sehr beschäftigt waren. Zu den alltäglichen vielen Arbeiten, kamen die intensiven Vorbereitungen für die Beerdigung dazu, die vielen Schlafgäste und der Besuch von einigen Beerdigungen im Umkreis.

 

Ernestina bereitet sich auf die Interviews vor, sie sitzt am Haus ihrer Mutter. Die gelben Kanister werden bald mit Hirsebier gefüllt, für die vielen Gäste, die kommen werden.

 

Ich fragte mich tatsächlich, wie es sein kann, dass viele der Familie, vor allem die Ältesten, aber auch Titus und Jüngere oft zu Beerdigungsfeierlichkeiten fuhren in Nandom, Fielmon oder in anderen Nachbardörfern und -gehöften. Ich dachte, hm, vielleicht doch einige Corona-Opfer? Dann endlich fiel bei mir der Papiergroschen: Da ja viele Verwandte in Städten und Regionen, teils in anderen Ländern leben, finden viele Beerdigungen erst nach vielen Monaten statt, damit alle die Chance haben zu kommen. So bleiben die Verstobenen in Kühlhallen, bis dann ihre Bestattung stattfindet.

 

Iib, Ernestinas ältester Bruder ist bekannt dafür, dass er gut Xylophon spielt. Gerade startet er seinMotorrad und fährt auf eine Beerdigung, um dort viele Stunden zu spielen.

 

Die Weihnachtszeit ist ohnehin die Zeit, in der die Familien zusammenkommen. Auch für die, die keiner Kirche angehören, ist es die Zeit der Gemeinschaft, in der auch das Bagri-Festival in Jirapa, Lawra und Nandom, in der ganzen Region von Upperwest stattfindet. Endlich finden sich alle ein, die Nachbarn besuchen sich, es wird Hirsebier getrunken, zusammen gegessen und Neuigkeiten ausgetauscht. Nach Weihnachten wird getanzt, gesungen und getrommelt. Ich kenne es schon von 2019, dass auch die Xylophone in Schuss gebracht werden und viel zum Einsatz kommen. In diesem Jahr wurden die empfindlichen Instrumente längst repariert und neu gestimmt. Bagri ist für die, die Ahnen verehren und der Naturreligion angehören, ein Kult, dem man die Kraft zuspricht, die Erde und die Menschen wieder zu "reinigen". Vor allem ist es ein großer Spaß.

 

Dieses Instrument wartet noch auf seine Reparatur. Sie reisen u.a. auf verschiedene Beerdigungen, wo dann viele Musiker auf ihnen spielen. Nicht immer kommen sie heil zurück.

 

Die Kalabassen, die dem Xylophon durch verschlossene kleine Löcher den Ton geben, sind oftmals kaputt. Die dünnen Membrane müssen stets dicht sein, deshalb die langwierigen Instandsetzungen. Titus erzählt, dass Kinder oft aus Spaß ihren Finger reinstecken würden ...

 

Saatuore, Titus ältester Halbbruder, ist verantwortlich für die Instrumente. Dieses Xylophon hat noch sein Vater Kuuyuour bis er 1999 starb, gebaut und gepflegt.

 

Titus schaut seinem Halbbruder bei der Handarbeit zu, spielt dann selbst ein wenig und hat eine junge Bewundererin an der Seite. Vermutlich eine junge Nichte oder gar eine Großnichte ...

 

Der Ton passt wieder! Titus versucht sich an den Grundmelodien ...

 

Den ersten, den wir interviewen konnten, war Dery Aadaryeb: Er ist heute der Älteste der erweiterten Familie und Titus direkter Cousin. Schwer zu schätzen, wie alt Dery ist. Sicherlich Mitte bis Ende 70 Jahre. Er lebt in einem Gehöft mit seinen beiden Frauen Lucilla und Olivia und seinen Nachkommen nur wenige hundert Meter entfernt. Wie die meisten Älteren aus der Familie sprechen diese drei Familienmitglieder kein Englisch und sind nie zur Schule gegangen. Ernestina stellte die Fragen in Dagara und übersetzte mir dann eins zu eins die Antworten auf Englisch.

Dery war sein ganzes Leben Bauer. Aber auch er ist in jungen Jahren saisonal migriert, lebte wie viele andere jüngere Dagara  eine zeitlang ganz im Süden. Schließlich musste er heimkehren, um seinem Vater Lanidune auf der Farm zu helfen, als dieser die Arbeit nicht mehr alleine bewältigen konnte.

 

 

Die Interviewsituation war sehr entspannt. Dery empfand uns beide als nicht aufdringlich. Das war uns wichtig. Insgesamt baute sich schnell eine Vertrautheit und Nähe auf: Schließlich bin ich hier keine Fremde, das macht sicherlich die Qualität unserer Recherchen aus.

 

 

Als wir mitten im Interview waren, gesellte sich Baaba, ein Halbbruder von Titus zu uns. Er gehört der jüngeren Generation von Bauern hier an. Er konnte seine Sicht beitragen, wie es um die Landwirtschaft, den Klimawandel und dem Einkommen als Farmer steht.

 

Ich konnte meinen Blick nicht von dem Stillleben  "Poster und Stühle" abwenden. Das Ensemble hat mich die ganze Zeit magisch angezogen. Baaba ist ein eher ernster Mensch. Er ist einer der Nachkommen von Kuuyuor in der jüngeren Generation, die hier im Norden weiterhin als Subsistenzbauern leben.

 

Ich bitte Baaba und Dery, sich gemeinsam für ein Foto auf das Sofa zu setzen. Faszinierend und gleichzeitig sehr praktisch, wie die Stromleitungen gleichzeitig als Zettelverwahrung genutzt werden.

Lucilla sprachen wir gleich im Anschluss, weil sie zufällig Zeit hatte. Sie ist Derys erste Frau, hat vier Kinder mit ihm, die aber alle nicht mehr hier wohnen und arbeiten. Sie war damals, vor 32 Jahren, die einzige Christin in der Familie und erinnert sich noch gut daran, wie wir beide gemeinsam zu Fuß sonntags zur Kirche gelaufen sind. Es rührte mich sehr, dass sie noch so viele Erinnerungen an die Zeit meiner Feldforschung hatte. Sie wusste noch genau, was sie mir gekocht hatte. Sie glaubt fest daran, ich hätte ihr mit einem Medikament das Leben gerettet. Tatsächlich war sie sehr krank, und ich konnte ihr mit Antibiotika helfen. Lucilla und Ernestina auf dem großen schweren Sofa. So ganz typisch für Ghana. Beide treffen sich zum ersten Mal in ihrem Leben und lernen sich über das Interview besser kennen.

 

 

Lucilla ist eine sehr ruhige Frau, sie müsste nun an die 70 Jahre alt sein. Auch sie kennt aber ihr genaues Alter nicht.

Ernestina und ich sind stets alle Frageleitfäden, die ich vorbereitet hatte, zum Teil schon in Berlin, dann in Accra, noch einmal gemeinsam durchgegangen. Wir haben offen miteinander diskutiert, welche Informationen wir gerne sammeln würden und mit welchem Ziel. Es ist schon sehr besonders, dass ich viele ihrer Mitglieder ihrer erweiterten Familie Kuuyuour – vor allem die Älteren, die 1989 hier gelebt haben - durch meinen Aufenthalt wie auch durch die vielen Interviews von damals besser kenne als sie. Das macht es spannend: wie wird Ernestina alles aufnehmen, was erzählt wird? Was wird sie davon halten? Es gibt vier Schwerpunkte: Lebensgeschichte, Familie, Bildung und Landwirtschaft, gefragt wurde auch nach Veränderungen, Visionen und Glücklichsein. Spannend war, dass wir beide noch nie eine große Beerdigung erlebt haben, genauso wie ihre Geschwister und viele ihrer Cousins und Cousinen aus der Stadt. So wuchs bei uns allen über diese vielen Tage der Vorbereitung für die Beerdigung die Neugier, die Spannung.

Mein Büro. Draußen und simpel eingerichtet! Das Gute war, dass in der Trockenzeit niemals Mücken um mich herumflogen. Und ich hatte immer während einer Denkpause allerhand Ablenkung, ob Tiere, Kinder, Frauen, die sich über den Hof etwas zuriefen ... Streithähne, denen ich beim Kampf um eine Henne zusehen konnte ... So viele wunderbare Stillleben, die mich in Bann gezogen haben. Eben nur kein Internet. Aber dramatisch fand ich das gar nicht, eher wohltuend.

 

Die Kinder waren häufig mit dem Eselskarren unterwegs, schwere Ladung zu holen, wie z.B. heute neue Erde, die dann für die Hoferneuerung gebraucht wurde.

 

Ransford setzte sich gerne ein wenig abseits, um Musik zu hören oder YouTube zu schauen, je nachdem, wie der Empfang gerade so war. Das Sofa war einen Tag später mit neuem Stoff bezogen.

 

Diese Handtasche fand ich richtig toll.

 

Dieser Hundezoo steht auf dem Kopf.

 

Eines nachmittags kämpften zwei Hähne um eine hübsche Henne. Fast zwei Stunden lang. Ich habe dann nicht mehr verfolgen können, wer der beiden gewonnen hat.

 

Dieser von mindestens drei Hofhunden muss sich erst mal ausruhen, zu lange in der Sonne für einen Schultest gelernt.

 

Jemand kocht seit Tagen ein Ei und sein Handy in der prallen Sonne. Beide dürften gar sein!

 

Draußen im Schatten ist es mittags zu heiß. Deshalb weiche ich gerne in mein kühleres Büro aus - mit Deckenventilator und einem guten Schreibtisch!

Unser dritter Gesprächspartner war Ernestinas Vater Zumeh Kuuyuour. Er lebte und hatte eine große Farm bis vor wenigen Jahren im südlichen Ghana, in den Afram Plains, zog dann aber wieder nach Hiineteng, um wieder mit seiner Frau Janet und Mutter von Ernestina zusammenzuleben. Sie war schon Jahre zuvor in den Norden zurück gekehrt. So hatte sie die Möglichkeit, ihre Fragen zu berücksichtigen, andere zu verändern.

Wir mussten Zumeh während seiner Mittagsruhe auf seinem neuen Stuhl stören und ihn bitten, ins Haus zu kommen. Nur so war ein halbwegs störungsfreies Interview möglich. Ich war ganz verliebt in diesen Stuhl, für mich mutete er an, wie aus den 1920er Jahren, Bauhaustil. Gerne hätte ich ihn für zuhause eingepackt und mitgenommen.

 

Ein so wunderbares Möbelstück.

 

Dann ging es los. Wir trafen uns in Zumehs neuem Haus, wo einst die Hütte gestanden hat, in der ich 1989 ein Zimmer bezogen hatte. 2019 war es ja nur noch eine Ruine. Jetzt steht hier in imposantes Backsteingebäude mit vier Zimmern. Eins davon, dient als Wohnzimmer und Treffpunkt u.a. auch für den Familienrat. Der Raum ist leer, bis auf eine schwere Couchgarnitur und eine schmale Bank mit Geschirr. Der Stil der Sitzmöbel gleicht sich landesweit, in Accra können sie sogar am Straßenrand gekauft werden.

Mein Zimmer 1989 war hier in diesem kleinen Haus (Foto 2019). Zumeh hatte es damals errichten lassen. Davor steht noch Kuuyuors Grab, dass allerdings für die Beerdigung von Pigr erneuert wird. Die Überreste von Kuuyuour werden an einem sicheren Ort verwahrt.

 

 

Hier ist das große, neue Haus zu sehen und die Stelle, wo bald das neue Grab für Kuuyuour und Pigr entsteht. Von 2019 bis 2021 hat sich jede Menge getan auf dem Gehöft. Rechts sieht man Janets Haus, die Frau von Zumeh, Mutter von Ernestina.

 

 

Hier wird das Essgeschirr hingestellt, hier zu sehen sind kleine Töpfe mit flüssigem Hirsebrei, Zucker und Wasser.

Ich habe mit Technik experimentiert, z.B. das Interivew mit dem Iphone aufzunehmen und mit dem Recorder. Ich habe es dann aufgegeben, weil ich dachte: Nee, bis noch keine Audio-Slide-Video-Storytellerin. War mir zu anstrengend, alles auf einmal. Es war besser, mich auf die Erzählungen zu konzentrieren. Auf dem Tisch liegen Mais und Hirse, Zumeh hat uns diese gezeigt, um zu beschreiben, was die Bauern hier anbauen und ernten.  Nach dem Interview zieht sich Zumeh festliche Kleidung an - den Smock -, putzt seine Schuhe und lässt sich in dem großen Sessel fotografieren. Weil das Licht aber draußen schöner ist, haben wir auch vor seinem Haus noch einmal ein Foto gemacht.

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Auch Ernestinas Mutter, sie heißt Janet mit christlichem Namen, konnten wir aus ihrem Haus locken, obwohl sie vielbeschäftigt war. Sie lebt in ihren eigenen vier Wänden, wie alle Frauen im Gehöft. Die Männer haben stets ihre eigenen Hütten oder Häuser. Sie hat mit Zumeh sechs gemeinsame Kinder. Zwei Söhne, vier Töchter. Der Jüngste ist 16 Jahre alt.

 

Das ist der Vorratsraum von Janet in ihrem Haus.

 

Es war sehr schön, Mutter und Tochter zuzuschauen und ihrem Dialog zu folgen.

 

Nach Zumeh und Janet schnappten wir uns Sornyine, den nächsten Kuuyuour-Bruder in der Reihe: Francis heißt er mit christlichem Namen, Sornyine ist sein Dagara-Name. Wir schafften es bis zur Beerdigung insgesamt 14 Interviews zu führen, die alle circa eine Stunde lang waren. Wir haben zusammen gesessen mit einigen, die ich schon 1989 befragt hatte. Und nun mit deren Kindern, also Familienmitlgieder aus Ernestinas Generation. Francis bzw. Sornyine hatte auch viel zu erzählen. Ähnlich wie Dery lebte er als junger Mann nicht hier, sondern war in den Süden migriert. Auch er musste heimkommen, um seinem Vater Kuuyuour zu helfen auf der Farm, 1999 hat er das Land seines Vaters übernommen. Ernestina macht es richtig Spaß, Sornyiene zuzuhören. Sie lachen nach einer Weile viel. Ernestina vergisst am Schluss zu übersetzen. Ich lasse beide einfach reden, der Augenblick ist zu schön, um mich in den Vordergrund zu drängen. Später fasst Ernestina die Geschichten von Francis für mich auf Englisch zusammen.

 

 

Wir konnten recht bald auch Nuo überreden, eine Pause zu machen. Sie saß auf dem Boden an ihrem Haus und war dabei, eine Strohmatte fertig zu stellen. Zuvor hatte sie auch lang mitgeholfen, den Hofboden festzuklopfen. Im Hintergrund liegen ihre Enkel und Enkelinnen und hören zu, was wir Nuo fragen und was sie zu erzählen hat. Nuo ist bestimmt über 80 Jahre alt., sie hat 10 Kinder geboren, ist trotz ihres hohen Altern immer noch arbeitssam, sehr zurückhaltend und tritt wenig in Erscheinung. Selten hört man sie viel reden.

 

 

Die Kinder finden es spannend, uns zuzuhören. Nuo ist die einzige, die wir nach den Ritualen und dem Ablauf der Beerdigung befragen. Sie muss lachen als sie erzählt, dass alle Kinder, Enkel und andere weibliche Nachkommen von Pigr zusammen tanzen müssen und Ernestina erst einmal schlucken muss. "Ich kann doch die Tänze alle gar nicht", sagt sie.

 

 

Cynthia, gemeinsame Tochter von Sornyine und Aayarkum, war mit ihren 18 Jahren die Jüngste unserer Befragten, die wir im Dorf zu fassen bekamen, und sie war durchweg beschäftigt: Mit Wasser holen, kochen, das Essen oder das Hirsebier reichen, mit an der Erneuerung des Bodens arbeiten, Kinder hüten ... Never a dull moment. Sie war oft sehr müde.

 

Hier zeigt mir Cynthia, wie die Ernte 2021 gelagert wird: auf dem Dach. Man sieht Mais, dunkle und helle Hirse, Erdnüsse, die trocknen.

 

 

Erenstina und Cynthia nehmen sich nach dem Interview eine kurze gemeinsame Auszeit. Cynthia hat großes Vertrauen zu ihrer Cousine, obwohl sie sich gar nicht so gut kennen oder zusammen an einem Ort gelebt haben. Was sie sich erzählen, das weiß ich nicht. Sie sprechen Dagara miteinander. Es ist ein sehr schöner, friedlicher Augenglick in meinem Zimmer. Obwohl draußen jede Menge los ist wegen der Vorbereitungen für die Beerdigung. Ein Kontrast: Cynthia im Foyer von Titus Stadthaus. Sie säubert die Erdnüsse hier jedoch genauso wie im Dorf: Auf dem Boden sitzend.

 

Auch Cynthias Mutter Aayarkum mussten wir lang überreden, sich Zeit zu nehmen für ein Interview. Sie war damit beschäftigt, den Korb zu flechten bzw. herzustellen, der als Schmuck die Beerdigung ihrer Schwiegermutter dienen wird.

 

 

Ich konnte dann noch Ernestina und erst einen Tag vor meinem Abflug, um 6 Uhr morgens, schließlich Titus in Accra sprechen. Ein Mensch mit wenig Zeit und immer beschäftigt ... Nicht nur vor einer Beerdigung. Auch in Accra, denn dort muss er in sehr kurzer Zeit alles erledigen, bevor er wieder nach Harare fliegt und nicht so bald wiederkommt. Die UN hat ihn 2020 von Äthiopien nach Zimbabwe versetzt, worüber er merklich glücklich war. Das Leben in Adis Abeba war wohl nicht so einfach. Zu seinem Leben und seinen Visionen werde ich sicherlich einen eigenen Beitrag schreiben wollen. Geduld, bitte.

Wir haben 16 Interviews, zwei davon hat Ernestina schon transkribiert (Danke dafür!). Ich habe für jeden Tag im Dorf und dann für Accra je ein Ordner mit Fotos und einen mit Videoaufnahmen ... I-Phone und große Kamera ... Noch Tonaufnahmen-Atmo ... Es wird dauern, liebe Leserinnen und Leser, bis dieser schöne, bunte und bewegte Berg, wenn nicht sogar ein Materialgebirge als Panorama vor Euch erscheinen kann. Zudem habe ich noch die über 20 Kassetten mit den analog aufgenommenen Gesprächen von 1989 ... Ziel: diese sollen digitalisiert werden. Vision: Der Blog wird kontinuierlich weiter geführt und aktualisiert mit neuesten Familienereignissen. Es wird ein Buch entstehen, das meine mit Fotos gestaltete und auf Englisch übersetzte Magisterarbeit ablösen soll. Eine Art der lebendigen Familienbiografie. Wir haben ja auch nicht wissenschaftlich gearbeitet, eher journalistisch und sehr familiär! Die Kür soll entweder eine Fotoausstellung werden und/oder ein dickes Fotobuch. Ich bin selbst gespannt!

Derzeit setze ich mich sehr damit auseinander, welche Rolle ich eigentlich habe bzw. einnehmen möchte und will. Was darf ich zeigen, was schreiben? Es ist für mich keineswegs selbstverständlich. Auch dafür brauche ich Zeit - für eine Auseinandersetzung mit mir und einen Dialog mit Titus, Ernestina und anderen aus der Familie. Was ist zu persönlich? Was für die Öffentlichkeit geeignet? Was bleibt fremd, was ist vertraut? Fragen, die alle Ethnolog:innen beschäftigen.

 

 

Das Cover des Buchs, das ich 2019 in kleiner Auflage schon der Familie übergeben konnte

Erdnüsse knacken in großer Runde

Jetzt, da viele von nah und fern gekommen sind, füllen sich das Gehöft und alle einzelnen Haushalte mit jungen, alten und erwachsenen Kindern, Enkeln, Urenkeln und vielen anderen Verwandten meiner Adoptivmutter. Titus versammelt die Jüngeren am Abend. Bänke und Stühle werden aufgestellt und immer wieder wird die Runde erweitert. In der Mitte stehen Kisten mit Erfrischungsgetränken und zwei weitere große Schalen mit ungeschälten Erdnüssen. Ein Klangteppich webt sich aus knackenden Schalen, Kichern und Gemurmel. Ein fröhliches Beisammensein an diesem Abend. Nur die Teenager, die in der Stadt aufgewachsen sind und nie auf dem Dorf gelebt haben, scheinen sich an alles gewöhnen zu müssen, sind noch schüchtern. Einige von ihnen können nicht einmal mehr Dagara, sondern nur noch Englisch. Sie verstehen Dagara, können es aber nicht sprechen. Wie Ransford, der Sohn von Titu. Manche sind erst zum zweiten Mal hier im Norden und auf dem Gehöft.


Titus spricht jedes der Kinder der Reihe nach an: "Wie heißt du? Mit leiser Stimme antworten die Kinder, zunächst recht zurückhaltend. Dann fragt Titus: "Und wie heißt du, Dagara?" Manchmal erntet er Schweigen, fragt nach, und es kommt immer heraus, dass wirklich alle einen Dagara-Namen haben, der wie meiner - Nmingmale - eine besondere Bedeutung hat. Titus erklärt mir später, dass er sicherstellen will, dass die Kinder und Jugendlichen die Wurzeln ihrer Namen kennen, auch wenn sie normalerweise nur ihre Vornamen verwenden. Titus' jüngere und ältere Brüder sitzen alle in der Runde und erklären die Herkunft vieler Namen, vor allem wenn ihre Träger sie gar nicht kennen. Es bleibt ein fröhliches Kommen und Gehen für gut anderthalb Stunden, bis die Essenszeit anbricht und sich die Runde auflöst.
Ich erlebe Titus zum ersten Mal an diesem Abend entspannt und fröhlich, trotz des ganzen Trubels und der Belastung durch die bevorstehende Beerdigung. Ich spüre ein Gefühl der Gemeinschaft, der Freude aller, Teil dieser großen Familie zu sein. Vor allem die Älteren wie Zumeh und Sonyine (Francis christlicher Name) genießen es, dass das Gehöft schon so viele Gäste hat. So viel Nachkommenschaft. So viel Leben.


Über Fußmärsche, einen Markttag und noch viel mehr

Ich laufe zum Markt am frühen Nachmittag, als mich plötzlich eine Harmatan-Windboe erfasst: Viel Staub! Ich war der Staub! Ein wenig gruselig, diese Windhose. Ich war schon zu Fuß vom Gehöft aus gute drei Kilometer unterwegs, als mich Baba und Vitalis, zwei Neffen von Titus, mich auf einem Moped überholen und mich erkennen im Vorbeifahren – kein Wunder. Denn ich bin die einzige Weiße hier weit und breit. Zu dritt fahren wir dicht an dicht gedrängt auf der kurzen Sitzbank die letzten drei Kilometer bis Fielmon. Das ist eine Wohltat, den Fahrwind zu spüren.

Super! Fahrtwind!

 

Es wird üblicher, dass Frauen Motorrad fahren

 

Aber Räder bleiben das Hauptverkehrsmittel auch für Männer jeden Alters

 

Dichtes Gedränge auf dem Markt in Fielmon, der alle fünf Tage stattfindet. Für mich löst es nach vier Tagen, an denen ich nur mit wenigen Menschen auf dem Gehöft zusammen war, fast nur Interviews geführt und fotografiert oder gefilmt habe, fast ein Stadtfeeling aus – so viele Menschen! Es sind merklich mehr Einheimische aus Burkina Faso in Fielmon, da die Grenze nur ein Katzensprung entfernt ist. Merklich sind mehr Verkäuferinnen und Verkäufer und die Kundschaft muslimisch. Auch in Fielmon gibt es jetzt Moscheen. Vor 30 Jahren noch keine einzige. Viele Frauen tragen ein Kopftuch und lange Kleider. In Ghana bekennen sich rund 18 Prozent zum Islam, zwischen 60 und 70 Prozent zum Christentum (aber es gibt unzählige afrikanische Kirchen), und etwas 22 Prozent der Menschen glauben an traditionelle Religionen (laut Wikipedia).

 

Ortseinfahrt von Fielmon, eine recht solide und hübsche Moschee wurde gebaut

Kaum jemand trägt eine Maske. Selbst ich habe zuerst ganz vergessen eine aufzusetzen. Kein Wunder: Seitdem ich in Ghana bin, höre ich weder Radio, lese Twitter oder schaue Nachrichten. Corona ist weit weggerückt - irgendwo in Berlin geblieben. Wurde nicht eingepackt!

Wie die Lage der Pandemie in Ghana ist, konnte ich zu keinem Zeitpunkt der drei Wochen im Land einzuschätzen. Ich kann ja weder Radio hören, noch im Internet recherchieren, und keiner hier in meinem Umfeld weiß es so genau. Es sind nur Titus, seine Frau Irene und sein Sohn Ransford, die hier OP-Masken anhaben, wenn sie das Gehöft verlassen. Ransford meinte, Afrika und damit auch Ghana hätten Ebola erlebt und überwunden, Corona sei keine größere Sache. Die Ebolafieberpandemie bracht 2014 in mehreren westafrikanischen Ländern und war erst Anfang 2016 überwunden. Westafrikanische Bevölkerungen hätten sich schnell auf die Pandemie eingestellt beim ersten Lockdown. In Ghana wird übrigens mit einen chinesischen Impfstoff geimpft. Ransford berichtet von einem Lehrer seiner Schule, der für eine Anstellung nach China gegangen ist. Er müsse zwei Wochen in Quarantäne bleiben und im Grunde sei diese Zeit wie ein Gefängnisaufenthalt. Er dürfe einfach nicht raus und bekäme sein Essen durch einen Schlitz serviert ... Irgendwo in China. Ransford sagt etwas sehr Wahres: Wenn Du leidest, dann profitiert am andere Ende immer jemand von Deinem Leid. So wäre es auch mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie, es gebe sicherlich Leute, die gar kein Interesse an einem Ende der Pandemie hätten, weil sie eben daran ziemlich gut verdienen würden. Es war tatsächlich das erste und letzte Mal, das ich im Gehöft über Corona geredet habe.

Zurück zum Markttrubel, wo ich Ernestina und ihre Schwester Eunice und die Schwägerin im Schatten sitzend treffe. Sie mümmeln Cosí, frittierte Küchlein aus Bohnenmehl. Extrem lecker und knusprig. Eine große Schüssel kostet nur fünf Ghanacedis, noch nicht einmal einen Euro, und davon werden gut vier Menschen fast satt.

 

Hier ist die Ecke des Markts, wo die Frauen Cosí verkaufen.

 

So sehen sie aus - Cosí-Küchlein. Heiß und lecker.

Auf dem Markt wird so ziemlich alles angeboten, was der Mensch für den täglichen Bedarf braucht, sogar Werkzeuge für die Landwirtschaft oder die Radreparatur, Töpfe und Plastikgeschirr bergeweise. Es gibt Strom und sogar Internet, es parken überall Motorräder, Tricycles, die als Taxen oder Minilaster genutzt werden und Fahrräder am Rand. Viele Frauen verkaufen eisgekühltes Wasser, Ingwergetränke oder Softdrinks. Auch wenn der Markt chaotisch aussieht, hat alles seine Ordnung: In einer Reihe nur Getreide – vor allem Reis, Mais und Hirse – und viele, viele Erdnüsse. Im nächsten Gang Zwiebeln ohne Ende. Hier und dort Blattgemüse und dort Orangen, Ananas und vielleicht Avocados, Mangos (ist im Dezember aber keine Saison). Dann folgen wir den Gerüchen von Gewürzen, um dann einzubiegen in die Straße der Bohnen in jeder Form und Farbe. Paradies für mich parallel dazu: viele Tomaten. Dann finden wir die Stände mit Nudeln, Öl, Seife und Stoffe sowie neuer und gebrauchter Kleidung. Überall hängen viele, viele Taschen mit recht lustigen Aufdrucken und drehen sich im Wind. Kurzum: ein Kaufparadies für alles von A bis Z.

 

Kein Mangel an Zwiebeln, Knoblauch und Chilli

 

Für Fußballfans unter den Marktbesucher:innen

 

Typischer Gang auf dem Markt Marktgang

 

Berge an Mais, Erdnüssen, Hirse ...

Im Vergleich zu 1989 ist der Markt irre expandiert. Ich kann mich an die wenigen Stände erinnern, die nur schmale Streifen an Schatten boten und ebenso "schmale" Ware anpriesen. Das Meiste lag auf Plastikplanen zum Verkauf aus. Ich weiß noch genau, wie verwundert ich war, dass es selbst Tomaten nur spärlich zu kaufen gab, Zwiebeln lagen in armseligen Häufchen da. Milchpulver zu finden oder Nescafé war eine Sensation. Das musste ich meistens auf dem Sonntagsmarkt in Nandom kaufen, wo sonntags immer großer Markttag war. Dort deckte ich mich mit Haferflocken und Zigaretten ein (damals war ich noch starke Raucherin!). Umso größer war meine Verwunderung eines Tages, dass an einem Stand blitzeblanke, neue Aldi-Tüten zu kaufen gab, in die ich mir Käse, dunkles Brot, Schokolade und Wein hineinfantasierte .

Sicherlich hatten diese Tüten ihren Weg nach Upperwestghana mit einem der vielen jungen Ghanaer in einem möglichst günstig erstandenen Transporter gefunden. Diesen hatte er wahrscheinlich nach Jahren – vielleicht illegalen Aufenthalts – in Deutschland kaufen können. Viele dieser jungen Männer wurden und werden in Ghana "Burgers" genannt, weil sie meistens in Hamburg lebten und leben, im Hafen oder auf Baustellen arbeiten, um sich dann ein großes gebrauchte Auto leisten zu können, es dann zu beladen mit Plastiktüten oder anderen langlebigen Gütern und alles als Riesenpaket nach Ghana zu verschiffen oder die lange Strecke bis Ghana und durch die Wüste selbst zu überwinden. Die meisten Trottos (Großraumtaxen), die in Ghana rumfahren, kommen aus Europa. Viele aus Deutschland, Holland und England.

Mein Einkauf schließlich passte gut in einen Rucksack: Fünf Plastikpötte lokale, ujdnköstliche Erdnussbutter für 15 Cedis. ein paar Tomaten für rund zwei Cedis. Mehr nicht. Die anderen hatten eingekauft eine Schlafmatte, viel Blattgemüse und auch Tomaten. Wir machten uns langsam auf den Rückweg, um die gut sechs Kilometer Fußmarsch noch vor Sonnenuntergang zu überwinden. In einer eher spontan aufgestellten "Kneipe" lade ich meine drei Weggefährtinnen ein, mit mir etwas Kühles zu trinken: Bier und Maltaguiness. Das schmeckt hier im staubigen Norden noch viel besser als in Accra oder in Berlin.

 

Hm... lecker!

 

Super Erdnussbutter, wirklich köstlich

Wir sitzen kaum, gesellt sich eine ältere Dame in schönem Kleid zu uns und startet sofort eine Konversation mit Eunice neben ihr. Wo ich denn herkäme, fragt sie auf Dagara. "Diese Weiße da." Eunice erklärt ihr, ich sei Kuuyuors Tochter, die für die Beerdigung extra angereist sei aus Deutschland. "Ach so, eine weiße Tochter," staunt die Frau, steht auf und stellt sich vor mich: "Dann bist Du meine Nichte, denn ich bin eine Verwandte von Pigr." Da staune ich nicht schlecht, warum ich eine Nichte habe, die deutlich älter ist als ich ... Wir vier lachen viel auf dem Nachhauseweg und sind uns sicher, dass alle im Dorf und darüber hinaus bald wissen, dass Kuuyuour eine weiße Tochter hat. Meine Kneipenrechnung für zwei große Bier (es gibt fast nur 1 Liter Flaschen in Ghana) und zwei Maltaguiness sind nur 20 Cedis, rund 3,33 Euro. Ich finde es billig, aber für Einheimische sicherlich teuer.

 

Meine "Nichte" und mein Bier

Denn ein monatliches Durchschnittseinkommen liegt bei rund 330 Euro (Quelle), aber es gibt auch Angaben, die besagen, dass es nur 2.049 Euro Jahreseinkommen sind, also im Monat leidglich 270 Euro, (Quelle). Oder aber Zahlen wie diese: Ein Lehrer verdient nur 100 Euro pro Monat, ein Arzt (Einstiegsgehalt) um die 670 Euro monatlich, und die Miete für eine Zwei-Zimmer-Wohnung z.B. außerhalb von Stadtkernen zwischen 50 und 80 Euro, aber im Stadtkern 662 Euro, so eine von vielen Quellen, u.a. der Blog einer Studentin aus Deutschland, die in Accra Praktikum gemacht hat (hier)! Das Hauptproblem bei den Mieten ist: Sie müssen ein bis zwei Jahre im Voraus bezahlt werden. Für viele kaum zu schaffen. Kurzum: Es ist nicht leicht, die Balance zu finden zwischen Einnahmen und Ausgaben in einem Land wie Ghana.

Auf dem Nachhauseweg kommen wir an großen Postern vorbei, die an der Straße vor dem Gehöft des Chiefs von Fielmon die Beerdigung einer Frau und eines Mannes ankündigen. Die vielen Räder, Mopeds und Autos zeugen davon, dass die Beerdigung groß ist und viele Trauergäste gekommen sind. Eunice erklärt Ernestina und mir, dass respektable Personen gestorben sein müssten, so viele Trauergäste. Sie vermutet zudem, dass die Beerdigungsfeierlichkeiten von ihrer Großmutter Pigr ähnlich groß werden würde. Sie sei sehr alt geworden (angeblich 107 Jahre). "Wir dürfen zwar trauern und traurig sein, weinen und klagen, aber wir müssen das Leben auch feiern", meint sie, "singen und tanzen.". Ich selbst gehe langsam aber sicher davon aus, dass auf die dreitägige Beerdigung an die 500 Menschen kommen werden.

So werden die Beerdigungen angekündigt. Im Hintergrund die Trauerfeier.

 

Hier im Chiefs-House werden zwei Menschen beerdigt, die zu einer Familie gehörten

 

Der Parkplatz am Mangobaum ist schon voll. Auch hier waren, wie ich hörte an drei Tagen gut 900 Besucher:innen

 

Wir laufen langsam die 6 km wieder nach Hause. Es ist ein wunderbarer Sonnenuntergang. Stille. Wir lachen und tratschen zu viert sehr viel. Ernestina jammert, dass sie viel zu viel laufen muss.

 

Der Weg schlängelt sich ähnlich ins Land wie der kleine Wasserstrom

 

Ernestinas Schwägerin balanciert ihren Einkauf auf dem Kopf und telefoniert gleichzeitig, während die Sonne sich langsam senkt

Jetzt noch ein paar Impressionen von meinem Markttag und von Fielmon


Gemeinschaftliches Arbeiten

Nicht jährlich, aber doch regelmäßig, wird der Boden des Hofs  runderneuert. In diesem Jahr gilt es, sich bis zur Beerdigung des lästigen Sands und Staubs zu entledigen, damit die vielen Trauergäste selbigen nicht aufwirbeln und um sie würdig zu empfangen. Auch an der Stelle im Hof, wo beide Toten aufgebahrt werden, müssen Wände und Boden renoviert werden. Dazu wird ein Gemisch aus Erde, Zement, Kuhdung und Wasser hergestellt und auf dem Sand verteilt. Alle Frauen aus den verschiedenen Haushalten der Großfamilie helfen, den Aufstrich festzuklopfen - auch alle, die schon als Gast angereist sind, bevor die Beerdigung überhaupt losgeht. Dafür stellen sich die Frauen nebeneinander und gehen klopfend rückwärts. Dreimal wird diese Prozedur wiederholt im Laufe eines ganzen Tags wiederholt.  Nur einmal macht die Frauengruppe eine Pause und gönnt sich dabei Hirsebier. Selbst die Älteste mit ihren über 80 Jahren, Nuo, schafft es, den ganzen lieben langen Tag, diese schwere Arbeit zu verrichten. Derweil hütet Cynthia die kleineren Kinder, damit die Mütter in Ruhe mithelfen können. Nach einem Tag ist nur ein Teil des Hofes fertig. Insgesamt drei Tage werden die Frauen gemeinsam den Hof renovieren, bis dann die "Plaza" wie neu aussieht und vor allem der Wind nicht ständig den ganzen Sand überall hin weht. Auch die Männer teilen sich schwere Arbeit auf. Keiner ist alleine auf dem Feld.

Ich kann sie nur bewundern, die Frauen hier. Die Männer sind jedoch nicht faul. Wegen der Beerdigung wird nicht nur der Hof erneuert, sondern auch neue Waschräume und Toiletten gebaut, eine Mauer hochgezogen, alle Gebäude gereinigt, Glühlampen eingesetzt, wo noch nie eine reingeschraubt wurde (z.B. im Klo, in der Dusche), die Felder begehbar gemacht, wo nach der Ernte noch die Hügelchen der Hirsepflanzen für die vielen Trauergäste zu Stolpersteinen werden können. Denn für die – wenn es stimmt – an die 500 bis 900 Trauergäste, die an den drei Tagen der Feierlichkeiten kommen werden, wird viel Raum und viele Sitzgelegenheiten im Schatten benötigt.


Dorfleben

Um ein Uhr morgens, sehr pünktlich, schlägt der Hahn seine Flügel auf den Boden und kräht ein erstes Mal. Spätestens um drei Uhr und  immer öfter bis sechs Uhr morgens. Dann stehen der Tag und das Licht gemeinsam auf. Die Kühe muhen und wollen aus der Umzäunung ins Freie. Die Ziegen blöken, die Hunde bellen, die Schweine grunzen, die Perlhühner gurren. Die jüngeren Frauen beginnen damit, den Hof zu fegen, und die Haushaltsvorstände gehen eine erste Runde von Tür zu Tür und checken, ob Mensch und Tier wohlauf sind. Der Tag ist erwacht. Der Harmattan – die Dunstzeit – bringt im Dezember Wind, Wüstenstaub und -sand mit, der sich wie eine dünne Schicht auf alles niederlegt, in die Nase kriecht und die Augen reizt. So schlecht sind die Coronamasken nicht, sie schützen gegen Viren und Staub!

Sie ist verlässlich: Die Sonne geht pünktlich auf, einfach jeden Tag.
Cynthia ist meistens als erste auf und fegt früh den Hof.

Aber keineswegs ist der Alltag im Gehöft idyllisch. Eher arbeitsreich und mühsam. Gute 150 Meter sind es bis zum Wasserbrunnen, und die jüngeren Frauen und Kinder pumpen täglich in großer Menge das kostbare Nass hoch und schleppen all benötigtes Wasser für den Tag zum Hof. Für das Kochen, den Abwasch, für das Wäsche waschen und auch für's Baden. Im Backsteinhaus, in dem mein Zimmer liegt, gibt es sogar eine Dusche und  eine Toilette.  Aber das Wasser fließt nur, wenn der große Wassercontainer auf dem Dach befüllt wird. Ist er leer: Kein Wasser! Um ab und an meine langen Haare zu waschen,  musste ich um ein wenig heißes Wasser bitten, es mit kaltem in einem Eimer mischen und dann mit einer Kalebasse duschen. Klappte prima und war ein Genuss. Es ist eine grandiose Entwicklung, dass es seit längerem einen Brunnen und sauberes Trinkwasser gibt. Es ist nicht so lange her, da musste das Wasser aus einem Bach geholt werden, weit entfernt und natürlich nicht besonders sauber. Vor 32 Jahren hätte ich das Wasser noch nicht einmal zum Zähne putzen nutzen können. Und ich erinnere mich, dass ich damals nur unfermentiertes Hirsebier ohne Sorge getrunken habe, weil es ja stundenlang gekocht wird. Da kann keine Bakterie überleben.

Manche Familien müssen noch sehr weit laufen, um am Brunnen Wasser zu holen.

Die jüngeren Kinder gehen heutzutage alle in die Schule, die im nächsten Dorf, Chebogo, rund anderthalb Kilometer entfernt ist. Die Schule wirkt recht desolat, fast verwahrlost. Dennoch ist es ein Fortschritt, dass nunmehr alle Kinder die Chance bekommen, die Schule zu besuchen. Dies war 1989 und noch bis vor zehn Jahren keine Selbstverständlichkeit. Von der Generation meines Adoptivbruders Titus gibt es einige Verwandte, die nicht lesen und schreiben können, nur wenig bis gar kein Englisch sprechen.  Selbst einige seiner Neffen und Nichten wurden erst mit acht oder neun Jahren in die Schule geschickt. So erzählte es mir auch Vitalis, der heute 25 Jahre alt ist. Er schilderte, wie er als Kind das Vieh gehütet und auf den Feldern mitgearbeitet hat, bis er dann doch in die Schule gehen durfte. Hätte Titus Vitalis Vate nicht überredet, hätte wahrscheinlich auch dieser niemals eine Schule besucht. Heute studiert Vitalis in Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas, an einer Fachhochschule Ökonomie im zweiten Semester. In dem Interivew mit ihm  wurde sehr deutlich: Es ist sehr schwierig und es erfordert viel Disziplin und Mut sowie neben den Eltern auch Verwandte, die die Schulbildung fördern und ganz oder teilweise finanzieren. Bis zu einem Studium an einer Universität oder Fachhochschule ist es für junge Menschen in Upperwestghana ein steiniger Weg.

Ich war erschrocken, dass die Klassenräume nach wie vor ärmlich ausgestattet sind. Aber immerhin: Holztische und Bänke
Die Schule 1989, statt Tische gab es nur Mäuerchen

Bis es dunkel wird, gibt es kaum eine Zeit, in der hier im Hof nicht gearbeitet wird. Die Frauen sind damit beschäftigt, Strohmatten oder -körbe herzustellen, zur Mühle zu laufen, um Mais, Hirse oder Sheanüsse mahlen zu lassen, zu kochen, zu waschen ... Sehr aufwändig ist die Herstellung der Sheabutter, die gut drei Tage andauert. Nicht minder langwierig ist das Brauen von Hirsebier, Pitó genannt. Beide Beschäftigungen bringen den Frauen ein geringes eigenes Einkommen, auch wenn es keine Unsummen sind. Eher könnte man sagen, der Aufwand lohnt kaum. Eine kleine Kugel Sheabutter kostet 20 Pesewa, das sind nicht einmal drei Cent. Eine ganze Schüssel bringt kaum mehr als 50 Ghanacedis, das sind weniger als 10,- Euro, ein zu geringer Lohn für die viele und sehr anstrengende Arbeit. Später, nach Sichtung meines Materials, werde ich ein Video einstellen, das zeigen wird, WIEVIEL Arbeit die Herstellung von Sheabutter macht. Wenn Marktag ist in Fielmong und im Rhythmus von fünf Tagen backen die Frauen Cosí. Es sind frittierte Bällchen aus Bohnenmehl, wirklich köstilich. Auch dies bringt den Frauen ein wenig Cash.

Erst wenn um sechs Uhr abends, die Sonne quasi in einem Rutsch abtaucht am Horizont, kehrt Ruhe ein, trappeln die Kühe wieder in ihren Stall, die Ziegen werden zusammengetrieben. Die Schweine legen sich in die Pfützen, wo immer das Duschwasser sich sammelt und das Abwaschwasser hingeschüttet wird. So hat jeder sein Plätzchen für die Nacht. Im Dunkeln bereiten die Frauen das Abendessen vor: Meist gibt es T-Zet, aus Mais- oder Hirsemehl zubereitet. Es sieht ein wenig gräulich aus, hat eine feste Konsistenz und wird mit unterschiedlichen Saucen gegessen. Morgens wird Cocobrei getrunken, es ist ebenfalls aus Hirse oder Mais und,  flüssig und warm. Die Kost ist nicht besonders abwechslungsreich ... Die Männer werden immer bedient, die Frauen arbeiten weiter, bis sie ins Bett gehen. Wenn noch Nachbarn kommen oder sich die Männer der Familie auf schmalen Bänken zusammensetzen, wird noch geschnackt, diskutiert oder der nächste Tag bzw. aktuell die bevorstehende große Beerdigung besprochen. Es scheint eine endlose Liste von Dingen zu geben, die noch zu erledigen sind. Wenn der Strom nicht ausgefallen ist, taucht das Licht einer hohen Laterne den ganzen Hof aus. Die Kinder toben noch herum, spielen fangen oder verjagen die Ziegen. Der kleine Welpe ist überall auf der Suche nach Spielkameraden und rennt den Kindern hinterher. Aus dem Dunkeln heraus, ist noch Stampfen zu hören, eines der Mädchen bereitet zu dieser späten Stunde Essen vor. An der Kochstelle glühen noch die Kohlen. Geht man ein Stück raus, strahlen die Sterne hell. Noch grunzt eins der kleinen Schweinchen, dann wird es still. Ich könnte stundenlang so verharren und zusehen, einfach beobachten, nicht mehr und nicht weniger. Das ist völlig ausreichend.


Reise zu den Wurzeln

Um zwei Uhr nachmittags starten wir mit Uber-Taxi zur Accra-Main-Station, wo der Bus Richtung Nandom in der Upper West Region abfährt. Der Stau am Samstag Nachmittag ist wieder sagenhaft. Für wenige Kilometer brauchen wir eine Stunde! Vor Ort ein hektisches wie buntes Treiben. Wer mit dem Bus fährt, hat scheints immer viel Gepäck dabei - wohin auch immer die Reise geht: Matratzen, Fernseher, riesige Plastiksäcke, Kartons und vieles mehr. Alles wird in die Gepäckfächer gestopft. Man mag denken, das dauert alles ewig, der Bus fährt jedoch pünktlich ab. Bei allen Passagieren wird die Temperatur gemessen, die wenigsten aber tragen eine Maske. Im Vergleich zu Berlin und Deutschland ist hier Covid19, Corona, Impfung und Boosterimpfung, Inzidenzzahlen und Diskussionen, wie nun am besten diese 4. Welle zu stoppen sei überhaupt nicht Thema. In Accra tragen doch viele eine OP-Maske, aber FFP2-Masken sehe ich keine. Nun denn. Ich fühle mich merkwürdigerweise trotzdem sicher.

Ein Traum wäre es gewesen, wenn der Bus, wie Online angekündigt, nur von 4 p.m. bis 2.35 a.m. bis Wa unterwegs wäre. Ich weiß aber, dass dies einfach nicht wahr ist. Ums vorweg zu nehmen, wir haben 17,5 Stunden benötigt für diese rund 800 Kilometer. Das Schlimmste war ja gar nicht die lange Fahrt, sondern dass über Lautsprecher zuerst eine Messe gelesen wurde - ewig und ewig. So einer dieser erleuchteten und selbst ernannten Pastoren, die ihre Glaubenssätze ins Mikro schreien. Sie denken wohl, das muss so sein, um zu überzeugen. Ich dachte, ich muss sterben. Als es für eine halbe Stunde ruhig war ... Ein Segen. Aber dann wurden die Fernsehen angeschaltet und es lief die ganze Nacht eine Soap-Opera, mit nicht minder krakelenden Figuren. Es mag sein, dass dies dann interessant würde, könnte ich Twi verstehen, aber so war für mich nur Kauderwelsch und laut. An Schlafen war nicht zu denken. Obwohl ich dachte, diese Fahrt nicht aushalten zu können, standen Ernestina und ich dann doch in Nandom, rund 20 Meilen, von Hiineteng entfernt. Titus und Ransford holten uns in dem nun rot verstaubten Highlander ab. Sie selbst waren erst wenige Stunden zuvor auch nach einer langen Überfahrt angekommen. So wundert es nicht, dass Titus nun ein Nickerchen hält. Ich habe noch gar nicht alle begrüßt. Die family ist total busy mit bauen, kochen, waschen ... Ich störe niemand ... Das ist ein gutes Gefühl, dass um mich kein Aufhebens gemacht wird. Auch Ernestina ist bei ihren Eltern und Geschwistern im Häuschen verschwunden. Ich gehe mal auf die Suche nach einem Eimer Wasser zum Duschen.

Es sieht aus wie vor zwei Jahren, die Landschaft trocken, die Erde verbrannt. Sonntags alle schick angezogen, um in die Kirche zu gehen, zu laufen oder sich fahren zu lassen in den dreirädrigen Taxis. Das Gehöft hat sich verändert, wo einst das Häuschen stand, in dem mein Zimmer war 1989, wurde ein großes Haus mit mehreren Zimmern gebaut. Also es entwickelt sich hier alles weiter. Ich habe hier und dort schon Hallo gesagt, mich aber in mein Zimmer zurückgezogen, um zu Atem zu kommen. Die Reise beginnt nun ein zweites Mal für mich.


Interview with Ernestina

Verena: Ich möchte Dich gerne als meine Kollegin vorstellen. Kannst du mir etwas über deine Kindheit und deine Ausbildung erzählen?

Ernestina: Mein Name ist Ernestina Zumeh. Ich wurde in Ghana in der Eastern Region geboren und bin 23 Jahre alt. Ich bin in der Eastern Region aufgewachsen. Vor kurzem habe ich meinen Bachelor of Arts in Kommunikationswissenschaften (Journalismus) vom Ghana Institute of Journalism in Accra bekommen.

Verena: Was hat Dich motiviert, mit mir gemeinsam ROOTS zu realisieren?

Ernestina: Es ist ein Privileg,  mit Dir an ROOTS zu arbeiten. Ich sehe es als ein Privileg an, weil es mich über die lange Geschichte meiner Großfamilie aufklärt, wie ich sie  noch nicht kannte. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit Dir, und ich möchte mein Bestes  geben, um sicherzustellen, dass das Projekt erfolgreich realisiert wird.

Verena: Für welche Themen interessieren Dich vor allem?

Ernestina: Mein Interesse an dem Projekt und der Forschung besteht darin, von den Familienältesten zu erfahren, wie es um den Zusammenhalt der Familie bestellt ist, was sie ausmacht. Und welche  die größten Herausforderungen für die Entwicklung und das Wachstum der Familie sind, auch was die Entwicklung der nächsten Generation behindern könnte.

Verena: Glaubst Du, dass die Idee auch allen der Familie gefallen wird?

Ernestina: Ja. Ich bin mir sehr sicher, dass sie uns von ganzem Herzen willkommen heißen werden.

Verena: Hast du schon einmal eine Beerdigung im Dorf erlebt?

Ernestina: Nein, ich habe noch nie eine Beerdigung im Norden miterlebt.

Verena: Was sind deine Erwartungen an die Beerdigung?

Ernestina: Ich bin sehr neugierig. Ich kann es kaum erwarten zu sehen, wie alles abläuft, von der Überführung des Leichnams aus dem Leichenschauhaus über die Aufbahrung bis hin zur Beerdigung.

Verena: Hast du schon eine Idee, wie die Beerdigung ablaufen wird?

Ernestina: So wie es aussieht, werden viele Leute  an der Beerdigung teilnehmen. Mein Onkel hat mir gesagt, dass an den drei Tagen der Feierlichkeiten etwa 500 Leute kommen könnten.

Verena: Was sind deine Erwartungen an unser Projekt?

Ernestina: Ich hoffe, dass ich am Ende des Projekts mehr über meine eigene Familiengeschichte erfahren werde, die ich vorher nicht kannte. Ich freue mich also darauf, mehr über meine Dagara-Kultur und meinen familiären Hintergrund zu erfahren. Und wie sie sich alles im Laufe der Jahre entwickelt hat.

Verena: Danke, Ernestina!

 

 


Making-Off: Viel zu packen

Hiineteng ist über 800 km von Accra entfernt, dafür sind es von dort aus nur ein paar Meilen bis Burkina Faso. Auf deutschen Autobahnen, ohne Stau, würde man diese Strecke relativ schnell hinter sich bringen. Hier ist das schon ein wenig anders. 2019 haben wir 22 Stunden gebraucht. Dieses Mal fahren Ernestina und ich im Nachtbus bis Nandom, wo uns hoffentlich jemand der Familie abholt. Ich bin hier noch nie mit dem Bus so eine lange Strecke gefahren. Vor drei Tagen ist einer verunglückt, neun Tote.

Titus ist mit Sohn Ransford und Nichte Cynthia schon losgefahren, das Auto bis unters Dach voll gepackt. Aber bis zur Abfahrt war es ziemlich aufregend. Die Tonne an Ladung, die für die Beerdigungszeremonie benötigt wird – von Wasser, über Gasöfen, die ganzen Geschenke für die Trauergäste, Reissäcke und was sonst noch – sollte mit einem gemieteten Laster plus Fahrer in den Norden gebracht werden. Leider sagte dieser plötzlich ab. Nun hieß es ab mittags gestern eine andere Lösung, sprich Laster und Fahrer zu finden. Die Spannung hielt bis 11 abends an. Titus tat mir unendlich leid, er telefonierte auf der Terasse stundenlang. Was für ein Stress. Aber Ende gut, alles gut. Ein Laster plus Fahrer ist schon um 4 Uhr morgens los, Titus und Co dann gegen 5:30.

 

 

Gestern war der Strom über sieben Stunden lang ausgefallen. Das passiert jeden Tag, aber nicht ganz so lange. Ich war froh, dass ich alle meine Geräte über Nacht wieder aufladen konnte. Heute habe ich noch einmal meine ganze Technik, die ich glaube zu brauchen, als Stillleben auf dem Bett drapiert. Verrückt, oder? Ich bin sehr gespannt, wie und ob ich alles nutzen werde. Manchmal denke ich, ach, mach doch lieber alles ganz einfach. Ohne Schickschnack. Ohne viel Technik ... Es wird ohnehin schwierig mit Zugang zum Internet. Ich habe mir zwar sicherheitshalber so eine Box, Sim-Karte aus Ghana und einen Haufen Gigabites Flatrate, aber das wird nicht helfen, wenn es keine Verbindung gibt. Kann also gut sein, dass ich mein Blog nur noch spärlich wachsen kann.

 

 

Ernestina kam gestern hier an – mit drei fetten Taschen. Auch sie nimmt für ihre Mutter, Schwester und Kinder und ihren Vater allerhand Sachen mit. Ich habe dagegen wirklich kleines Gepäck.

 

 

Sie hat sich sehr über den Blog gefreut. Noch sind wir nicht dazu gekommen, unsere Pläne zu diskutieren. Am wichtigsten wird heute noch, bevor wir in den Bus einsteigen, das Aufnahmegerät zu checken, die Interviews und noch einmal unser Vorhaben im Detail zu besprechen.

 


Fliegen und ankommen

Es war der erste lange Flug sei Beginn der Corona-Pandemie. Schon die Vorbereitungen haben gezeigt: Reisen ist kompliziert und aufwändig geworden. Es reichen nicht Flugticket und Visum. Es gilt einige Formulare online auszufüllen, etliche QR-Codes zu scannen, vor der Reise einen teuren Test zu machen und so weiter und sofort. Ich habe diese Pflichten meist fluchend  erfüllt. Aber dann war der Flug  mit Transit in Brüssel fast ein Kinderspiel. Zumal der Flieger auf der ersten Strecke recht leer war.

Anders aber Einstieg und die 7 Stunden Fliegerei nach Accra. Dicht an dicht in der Schlange während des Boardings, dicht and dich dann in den Sitzreihen. Das war trotz Boosterimpfung beängstigend, aber wer heute reist, muss riskieren. Einfach wegschieben und schon setzte der Pilot zur Landung an. Ungefähr sechs Mal wurde mein Pass kontrolliert. Und alles ging flott. Es kam mir vor, als sei Corona in Ghana ein Jobmotor. So viel Personal ist in das Überprüfen der Impfnachweise, das Weiterleiten zum Testen, als Tester, als wieder Weiterleiter und dann als Kontrolleure, ob jemand getestet ist, dann als Helfer für das Abrufen der Testergebnisse engagiert ... Whow. Endlich das Durchwinken, und alles ist gut gelaufen. Ich muss wirklich sagen, vorbildlich. A safe journey.

 

Titus Kuuyuour und sein Sohn Ransford holten mich ab. Bald steckten wir wieder im üblichen Accra-Stau. Es ging nur meterweise voran. Man kann nicht sagen, dass die Fahrt vom Flughafen bis an den Rand der Stadt in den Bezirk Madina wie im Flug verging. Aber es war nicht langweilig. Wie üblich waren die Hauptstraßen ein großes Kaufhaus. Ohne auszusteigen, kann man am Autofenster in Accra von den Straßenverkäuferinnen und -verkäufern so ziemlich alles kaufen, was tragbar oder essbar ist. Ich frage mich oft, wie viele Kilometer diese Menschen am Tag zurücklegen, wie viel sie – neben den Autos her laufend und in den Abgasen stehend – wohl verdienen.

Jetzt heißt es einleben: Über 30 Grad ist es, feucht. In Berlin hat es geschneit. Ich werde ganz betrunken von den vielen altbekannten und doch wieder ungewohnten Eindrücken. Ich wurde herzlichst empfangen. Nun gehen alle ihrer Arbeit nach, vor allem wird die Beerdigung im Norden vorbereitet. Der Stapel, der mitgenommen wird wächst und wächst jede Stunde. Es ist eindrucksvoll, welche Dinge organisiert, gekauft und verpackt werden. Cynthia Kuuyuor, eine Nichte von Titus, hilft, alles einzutüten. Sie lebt seit einem Jahr in Accra, um ihren Schulabschluss zu machen. Vorher ist sie in Wa, der Districthauptstadt im Nordwesten, ins Internat gegangen. Titus finanziert ihre Ausbildung hier. Dafür ist sie für Einkauf, Kochen und Putzen, natürlich auch Helferin bei den Vorbereitungen zur Beerdigung. Es werden an den zwei Tagen der Beerdigung wohl rund 500 Leute nach und nach erwartet. Sie werden bewirtet, sie bekommen alle eine Erinnerung ... Und erstaunlicherweise heißt es auf den bedruckten, silbernen Säcken, dass Pigr, meine Adoptivmutter, 107 Jahre alt geworden ist. Wirklich sehr alt ...


Ein Stipendium - Glück für ROOTS

Meine Reise und das Projekt werden mir ermöglicht durch ein Stipendium der Neustarthilfe Kultur der Verwertungsgesellschaft Wort (VG-Wort) und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Es ist ein Privileg heutzutage eine solche Recherche finanziert zu bekommen und ganz unabhängig kreativ sein zu können. Dafür bin ich sehr dankbar.

Sponsoren


Was ROOTS bewirken soll

ROOTS soll Ausgangspunkt sein, um ein tieferes Verständnis für Menschen zu entwickeln, die noch immer als Subsistenzbauern in einem Gebiet leben, in dem der Boden seit Jahrzehnten ausgelaugt ist. Auch ist es mir ein großes Bedürfnis, die Geschichten alter und junger Familienmitglieder weiter zu erzählen, über die Landwirtschaft, die Arbeit und ihr Zusammenleben, über ihren Glauben und über Zukunftsvisionen mehr zu erfahren.

Abends, in der Zeit vor Weihnachten, kommen stets Nachbarn vorbei, um ein Schluck Hirsebier gemeinsam zu trinken und sich zu unterhalten

 

Täglich laufen die Frauen vor allem oft zum Brunnen, um Wasser zu holen. Wie oft konnte ich gar nicht zählen.

 

Das ist die Maisernte von 2021. Sie trocknet auf dem Dach, kommt dann in einen kleinen Speicher.

 

Dies ist der Vorratsraum von Aayarkum. Auch sie hatte ich 1989 interviewt. Sie schläft mit ihren Kindern immer noch auf selbt hergestellten Strohmatten, die tagsüber aufgerollt an der Wand lehnen.

 

Aayarkum vor ihrer Hütte, sie kocht schon das Abendessen.

Wie ich die Geschichte erzählen will

Eine erste Voraussetzung ist, dass wir vor Ort alle Familienmitglieder, Nachbar:innen und Dorfbewohner:innen um ihre Erlaubnis bitten, sie zu interviewen und die Gespräche aufzunehmen, sie zu fotografieren oder zu filmen. Es soll transparent und nachvollziehbar werden, dass unser Material öffentlich gezeigt und auch für viele Menschen, eben auch Fremde, zugänglich sein wird. Jeder und jede soll bestimmen können, ob er oder sie dies überhaupt will.

Wenn dann alles klappt, werden Ernestina und ich Familienmitgliedern unterschiedlicher Generationen, Wohnorten und Berufen in Accra und Hiineteng bitten, uns ihre Lebensgeschichte zu erzählen, über sich zu sprechen. Ernestina wird mir übersetzen, denn vor allem die Älteren im Dorf sprechen wenig oder gar kein Englisch. Sie sollen schildern, wie ihr Leben verlaufen ist und verläuft, ihre Kindheit beschreiben und ihre Erfahrungen als Erwachsene. Ich möchte gerne von ihnen hören, welche Rolle die familiären Netzwerke für sie spielen und was eine so große Familie zusammenhält.

Ernestina und ich werden  am Familienalltag teilnehmen: beobachten, fotografieren und filmen, und wenn ich wieder komme, werde ich die vielen Kilos Material von 1989, 2019 und 2021 miteinander verknüpfen und verdichten, mit Ernestina werde ich dafür weiter eng zusammenarbeiten: Mein Ziel ist, dass womöglich ein Foto-Text-Buch entsteht. Möglichst auf Englisch, damit auch die ghanaische Familie es lesen kann. Alles ist ein Experiment. Sicherlich wird die Beerdigung im Dorf ein Ereignis sein, das für mich aufregend und neu sein wird. Beerdigungen sind in Ghana mit die wichtigste familiäre und soziale Feierlichkeit. Titus organisiert sie seit Wochen, mit Hilfe seiner Frau Irene, seinen Schwestern und Nichten.

Dieser Blog, so der Plan, soll während meiner Reise wachsen, später dann aus Berlin weiter bestückt werden. Und es wäre großartig, wenn Ernestina und andere jüngere Familienmitglieder in Zukunft meinen Part des Sammelns von Erinnerungen und Ereignissen übernehmen, den Blog weiter führen, ihre Wurzeln "düngen" und die Familiennetzwerke weiter wachsen.
Natürlich nur, wenn sie es wünschen und Lust dazu haben. Dahin ist es noch ein weiter Weg.

Kuuim, meine älteste Adoptiv_Schwester, blättert in dem Fotobuch mit Bildern von 1989 und 2019, das ich als Gastgeschenk mitgebracht habe

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Nun ist meine Adoptiv-Mutter, ihr Name ist Pigr, gestorben. Ich werde nach Hiineteng reisen, um an ihrer Beerdigungszeremonie teilzunehmen. Auch ein Cousin meiner Adoptv-Familie ist gestorben. Beide werden am selben Tag beerdigt. Ich bin sicher, dass ich zu diesem Anlass einen großen Teil meiner ghanaischen Familie treffen werde. Und ich habe ein Ziel: Ich möchte mit vielen aus der Familie über ihre Wurzeln, ihre Erfahrungen und Visionen sprechen. Ich werde das Puzzle der Familiengeschichte weiter zusammensetzen, das ich 1989 begonnen habe. Damals habe ich die Genealogie der Großfamilie rekonstruiert, beginnend mit den Vorfahren, die vor 1900 geboren wurden und die Migrationsbewegung während des Kolonialismus aufgezeigt. Das war ein ziemlich abenteuerliches Unterfangen. Ich möchte, dass die Familiengeschichte nicht verloren geht und helfen, Erinnerungen wach und Wurzeln lebendig zu halten. Es wird interessant sein herauszufinden, ob und wie sich das Leben, die Arbeit und die Familienbande aus Sicht der Familienmitglieder verändert haben, aber ebenso, was in den letzten drei Jahrzehnten nachhaltig gewesen und stabil geblieben ist.

Pigr, meine Adoptiv-Mutter, 1989. Sie hatte sich für die Foto-Session extra sehr gut angezogen.

Ein Herzensprojekt

ROOTS soll an die mündliche Tradition des Erzählens und an mein Wissen aus früheren Aufenthalten und Interviews aus den Jahren 1989 und 2019 anknüpfen. Zwischen mir und meiner Familie bestanden immer enge Bande: Denn Titus Kuuyuour, mein Adoptiv-Bruder und Übersetzer in 1989, hat mich stets über wichtige Ereignisse in der Familie auf dem Laufenden gehalten. Uns beide verbindet eine enge Freundschaft. Er ist mein Bruder, ich seine Schwester.

2019 habe ich Ernestina Zumeh bei meinem ersten Besuch nach genau 30 Jahren im Nordwesten kennengelernt. Sie ist Titus Nichte, ich bin seitdem ihre "Aunty". Ich werde sie von Beginn an in das Vorhaben einbeziehen, und sie hat Lust, mit mir das Projekt gemeinsam zu realisieren. Vor kurzem hat sie ihr Studium am Ghana Institute of Journalism abgeschlossen. Auch wenn sie eine Dagara ist, kennt sie das Heimatdorf ihres Vaters Zumeh Kuuyuour nur von dem Besuch 2019. Denn als sie klein war, ist ihr Vater und Titus ältester Bruder dauerhaft in die Eastern Region abgewandert. Hier war die Landwirtschaft ertragreicher und das bäuerliche Einkommen sicherer. Ernestina wuchs als Jugendliche bei einer Ziehmutter auf, um ihre Schulausbildung in einer urbanen Umgebung abzuschließen. Ihre Eltern hatte sie jahrelang gar nicht gesehen, von 1999 bis 2919. Eben erst in Hiineteng wieder. So bin ich nicht die Einzige, die neugierige Fragen stellen wird: Ernestina, heute 23 Jahre alt, wünscht sich, mehr über ihre Wurzeln, über ihre Familie und das Leben im Dorf zu erfahren.

 

Ernestina interviewt ihren Onkel und hört viele interessante Geschichten über die Familie

 

Ernestina, ihr Vater Zumeh Kuuyuor und ihre ältere Schwester Patience

Wieso also eine ghanaische Familie?

Ich wurde 1989 als Tochter vom damals Ältesten einer Großfamilie in Hiineteng/Ghana adoptiert: Kuuyuour Zinige. Ich lebte bei ihnen über mehrere Monate, um im Rahmen meines Ethnologiestudiums eine Feldforschung zu realisieren. Kuuyuor gab mir einen Dagara-Namen, Nmingmale – das bedeutet, ich bin das Werk Gottes. Gott hat mich zu ihnen von Berlin nach Hiineteng geschickt. Und es war dann in seinen Augen Gottes Werk, dass ich während meiner mehrmonatigen ethnologischen Feldforschung mit der Unterstützung der Großfamilie sicher und gesund geblieben bin. Meine Masterarbeit habe ich als Buch gestaltet, und meine Tochter Line, hat sie ins Englische übersetzt. Mein Bedürfnis war es 2019, der Familie die Früchte meiner Feldforschung – die Genealogie ihrer Lineage zu überreichen.


Eine große Verwandtschaft

Ich habe eine große Familie. Ich konnte nie zählen, wie viele Verwandte ich habe und viele von ihnen habe ich noch nie in meinem Leben getroffen. Ein Teil wohnt und arbeitet in einem abgelegenen Dorf im Nordwesten Ghanas, Hiineteng, manche in Burkina Faso. Sie gehören zur ethnischen Gruppe der Dagara, die im Dreiländerdreick Ghana, Burkina Faso und der Elfenbeinküste lebt. Sie und sind traditionell – wie schon vor der Kolonialzeit – zum großen Teil Subsistenzbauern. Viele arbeiten jedoch heute als Lehrer:innen, Schneider:innen, Händler:innen, Arbeiter:innen, Ingenieur:innen, Universitätsprofessor:innen, Ärzt:innen oder gar als Katastrophenmanager für die UN. Ich bin sehr aufgeregt. Denn bald bin ich bei ihnen und werde viele Familienmitglieder wiedersehen oder neu kennenlernen ... In Ghana!

Übrigens: Ich selbst bin Berlinerin, Autorin, Fotografin und Ethnologin, in Mexiko geboren, in Brasilien aufgewachsen und Deutsche. Und ich habe eine ganze Menge anderer Verwandte, biologische Verwandte. Wenn ich alle durchzählen würde ... Meine Großmutter hatte fünf Geschwister, die wiederum teils viele Nachkommen hatten. In meiner Generation – mütterlicherseits – habe ich ziemlich viele , Cousinen und Cousins. Auch sie kenne ich größtenteils gar nicht, höchstens vom Sehen auf traditionellen Familienfesten, die regelmäßig organisiert wurden und werden. Die Gruppenfotos der Großfamilie Behrend und aller Nachkommen sind tatsächlich ausufernd. Ein breites Panorama verteilt über Deutschland und Brasilien, gar weltweit. In Ghana wären alle Behrendts einfach meine Brüder und Schwestern. Oder Cousinen oder Cousins. Mütter und Väter. Tanten und Onkel. Es werden keine sprachlichen Unterschiede zwischen ersten, zweiten oder dritten Verwandtschaftsgraden gemacht.